Dienstag, 30. Januar 2007

Die Verwandlung

Ich habe mir immer eingebildet, ein vergleichsweise ruhiger und besonnener Mensch zu sein. Doch beim Handballspiel Deutschland gegen Spanien gelten andere Gesetze. Ein Protokoll des WM-Viertelfinales, das ich in erster Linie für den Blog im Kölner Stadt-Anzeiger geschrieben habe, aber mangels besserer Ideen jetzt auch hier hinein setze.

17.10 Uhr. In der Tagesschau wird das Spiel angekündigt. Ich fange an zu zittern. Anspannung, Vorfreude, Nervosität.

17.20 Uhr. Rückblende auf das legendäre Viertelfinale bei den Olympischen Spielen in Athen: Deutschland gewinnt nach zweifacher Verlängerung und 7-Meter-Werfen und legt den alten Spanien-Fluch ab. Ich bekomme eine Gänsehaut, so wie damals, als mir die Spieler, die ich im Studium teilweise persönlich kennen gelernt habe, endgültig ans Herz gewachsen sind. Sympathische Riesenteddys – die natürlich auch gut zulangen können, keine Frage.

Anpfiff. Schon nach zwei Minuten empfinde ich Ehrfurcht vor dem Publikum in der Kölnarena – wie gerne wäre ich jetzt in der Halle.

7. Minute. Kehrmann vergibt im Gegenstoß die zweite gute Möglichkeit der Deutschen hintereinander. Ich stöhne hörbar auf.

12. Jetzt macht es Kehrmann besser: 6:3-Führung, ich gebe ein erstes mittellautes „Jaaa“ von mir. Mittlerweile zittere ich durchgehend.

15. Minute. Ich sitze nicht mehr, ich lauere. Roggisch bekommt eine Zeitstrafe und ruft seinem Gegenspieler „Pussy“ zu. Lippenlesen kann so einfach sein.

17. Minute. 8:6 durch Zeitz. Ich trommle erstmals auf meinem Sessel herum.

20. Minute. Fritz hält einen Siebenmeter. Ich brülle los.

24. Minute. 13:9 durch Glandorf. Meine Gestik ähnelt jetzt der der Spieler.

Halbzeit. Ich versuche, meine Notizen zu entziffern.

34. Minute. Pascal „Pommes“ Hens trifft zum ersten Mal in diesem Spiel. 17:14, und ich brülle wieder.

36. Entsetzen über Kehrmanns vergebenen Gegenstoß. Zum Glück ist Henning Fritz jetzt nur noch vom Kreisläufer-Schrank Urios zu bezwingen. Preiß trifft für Deutschland, ich werde jetzt ernsthaft laut.

38. Minute. Krauss trifft - Ich fange an, die Luft zu verprügeln.

40. Minute. Kehrmann entdeckt seine alte Krankheit wieder: zu viele Trickwürfe. Ich ächze, stöhne, schlage die Hände über dem Kopf zusammen.

42. Minute. Ich spüre meine Halsschlagader pochen.

43. Minute. Glandorf mit dem 20:17. Ich schreie los.

46. Minute. Fritz hält sensationell im Sprung, mit dem linken Fuß. Keinen Schimmer, wie er das angestellt hat. Ich reiße die Fäuste hoch.

47. Minute. Torsten „Toto“ Jansen vergibt einen Siebenmeter. Ich stöhne laut auf und denke besorgt an meine Nachbarn. Etwa eine halbe Sekunde lang.

49. Minute. Hens hämmert den Ball zum 23:21 ins spanische Tor. Ich erschrecke vor meinem eigenen Gebrüll. Doch die Deutschen verlieren jetzt kurz den Faden.

51. Minute. Ausgleich. Ich bleibe merkwürdig ruhig. Ich vertraue der Mannschaft.

54. Minute. Schwarzer trifft beim Gegenstoß zum 25:23. Ich bin jetzt bei maximaler Lautstärke.

56. Minute. Fritz hält weiter grandios. In der Halle ist es unglaublich laut.

58. Minute. Die Schiedsrichter pfeifen zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten eindeutig gegen Deutschland. Und Krauss vertendelt den Ball. Dann pfeifen die Schiris ein Stürmerfoul gegen Spanien. Ich lache kurz, denn die Entscheidung war ebenfalls eindeutig falsch – aber für Deutschland trotzdem goldrichtig.

60. Minute. Toto trifft, ich stoße einen hohen, spitzen Schrei aus. Deutschland führt 26:24. Die letzte Minute läuft, mein Herz rast. Siebenmeter für Spanien: Ich flehe, Fritz möge den Ball halten. Doch Romero verwandelt sicher.

Auszeit. Noch 16 Sekunden zu spielen. Ich habe keine Worte mehr für das, was in mir vorgeht. Dann fällt die Entscheidung, und wieder ist es Toto Jansen. Ich springe in die Luft, reiße die Hände hoch, brülle alles heraus. Alles.

Abpfiff. Die Kölnarena bebt. Ich muss jetzt ein frisches T-Shirt anziehen. Und höre auf dem Weg ins Bad die 19 000 Verrückten in der Kölnarena: „Oh wie ist das schön…!“

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