Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in den letzten Wochen nach Berlin gefahren bin. Vier doer fünf Mal. Meistens in Hemd und Jacket. Ergebnis: Dein einen Job, den ich wirklich gerne gehabt hätte, habe ich nicht bekommen. Bis zum kommenden Freitag fällt die Entscheidung, ob ich den zweiten bekomme. Und ob ich ihn wirklich will.
Aus Kopfsicht keine Frage: Ich will. Eines der besten News-Portale Deutschlands, Redakteursstelle im Ressort "Digital", mehr Geld, Berlin, hohe Ansprüche, echte Herausforderung, dazu die Chance, als Journalist etwas zu bewegen - und ich käme raus aus meinem jetzigen Job, der seit Wochen immer freudloser wird, weil es nur noch Mangelverwaltung ist.
Aus Bauchsicht gibt es vor allem eine Hürde: Ich müsste - während ich mich um die Digital-Themen kümmere, mit denen ich mich schon auskenne - zu einem Experten für Computerspiele werden. Ausgerechnet ich, der überhaupt nie am Computer spielt und bei einem Blick in eine aktuelle Games-Zeitschrift 99 % der Spiele todlangweilig findet. Doch wenn man mir den Job anbietet (was nicht auszuschließen ist), dann soll ich mir eine Konsole aus der Redaktion mitnehmen und zu Hause erstmal ein paar Tage zocken. Klingt grausam, ich weiß. Aber es kommt noch härter: Die wollen, dass ich in ein bis zwei Jahren so viel über das Kulturgut Computerspiel weiß, dass ich auf jedes Podium der Republik steigen und dort eben dieses Kulturgut verteidigen könnte.
Jetzt habe ich einen halben Tag am Rechner gesessen und ein bisschen was gelesen über Video game controversy, das Zentrum für Computerspielforschung in Potsdam, Spieltheorie, Arthouse Games etc. Vieles finde ich durchaus interessant, aber wäre ich wirklich mit dem Herzen dabei? Ich schaffe es noch nicht ganz, mir diese Frage zu beantworten. Aber wenn der Anruf im Laufe der Woche kommt, dann muss ich sie mir beantwortet haben.
Ach ja, und ich müsste den Nasenring ablegen. Sogar, wenn ich nur ins Büro gehe. Ein unerwarteter Tiefschlag.
Sonntag, 26. Juni 2011
Saurer Apfel?
Eingestellt von Patrick @ 21:58 0 Kommentare
Samstag, 4. Juni 2011
Auch böse
Ok, dass Andi die Story von der Selbstschussanlage mögen würde, hatte ich geahnt. Sonst noch jemand?
Ich hab da noch eine schöne Geschichte für euch. Eine Art Rätsel. Hier ist die Originalmeldung, gesendet von der dpa am 17. Mai:
Faustgroßes Loch im Oberkörper: Ärzte retten Mann Münster (dpa) - Diesmal konnten die Ärzte auch ohne Röntgenstrahlen durch den Patienten hindurchsehen: Unfallchirurgen haben in Münster einen Mann gerettet, der ein durchgehendes faustgroßes Loch in Brust und Rücken hatte. Wie das Universitätsklinikum am Dienstag berichtete, gelang die spektakuläre fünfstündige Notoperation nach einem Unglück schon vor einigen Wochen. „Der Brustkorb des Mannes wurde durch den Unfall einmal komplett durchbohrt. Man konnte direkt hindurch blicken“, schilderte Thoraxchirurg Karsten Wiebe in der Mitteilung.
Das Loch in der Brust sei so groß wie eine Männerfaust gewesen, die Wunde am Rücken fast ebenso groß. Dennoch sei es gelungen, die Lunge weitgehend zu retten und beide „großen Löcher“ plastisch zu verschließen. Wiebe sprach von einem „kleinen medizinischen Wunder“. Details zum Unfall wurden auf Wunsch des Patienten nicht genannt.
Schön auch der Zusatz am Ende:
Redaktionelle Hinweise - Das Klinikum kann ein Bild vom Ärzteteam zur Verfügung stellen. Bilder von der Verletzung werden auf Wunsch des Patienten nicht veröffentlicht.
Denn mal ehrlich: Welche Zeitung würde ein solches Foto denn drucken?! Ok, eine vielleicht.
Aber das ist alles nicht so wichtig. Wichtig ist nur der Satz "Details zum Unfall wurden auf Wunsch des Patienten nicht genannt." Das ist wie der Befehl "Denk jetzt mal NICHT an einen rosa Elefanten." Man kann dann nicht mehr anders, man MUSS an einen rosa Elefanten denken. In diesem Fall an die Details zum Unfall. Was verursacht eine etwa faustgroße Wunde, hat soviel Dampf, dass es einen ganzen Mann durchdringt und ist auf der Aus- oder Eintrittsseite (geht ja aus der Meldung nicht eindeutig hervor) etwas kleiner? Ich tippe: Der arme Mann ist aus einem Fenster gefallen - und auf einen Flaggenmast. Er hat sich selbst gepfählt. So ein Mast könnte sich durchaus nach oben etwas verjüngen - das würde es möglich machen, dass das Opfer auf der Eintrittsseite, die ja weiter nach unten rutscht, eine tiefere Wunde hat als auf der Austrittsseite.
Ich hätte jetzt gerne Vorschläge von euch. Was könnte ihm sonst passiert sein?
Eingestellt von Patrick @ 19:43 3 Kommentare
Mittwoch, 1. Juni 2011
Böse. Sehr, sehr böse
Die drei Schüsse in den Rücken lassen mir keine Ruhe. Ständig kommen mir neue Nachrichten unter, die an sich schon wirklich böse sind, durch den Stil der Nachrichtenagenturen aber noch viel bösartiger werden. Vor allem durch das Weglassen von Informationen. Ich gebe mal ein Beispiel, ungekürzt und unverändert, so wie es über den Ticker kam:
Eigene Selbstschussanlage tötet deutsch-türkisches Rentnerpaar - System sollte Einbrüche in Ferienhaus verhindern Istanbul, 31. Mai (AFP) - Ein deutsch-türkisches Rentnerehepaar ist von seiner selbst gebauten Selbstschussanlage getötet worden. Wie türkische Zeitungen am Dienstag berichteten, starben die 75-jährige Emmy Else G. und ihr fünf Jahr älterer Mann Musa G. in einer Ferienhaussiedlung im westtürkischen Edremit. Das Paar habe die meiste Zeit des Jahres in Deutschland verbracht und sei nur in den Sommermonaten in die Türkei gekommen. Offenbar hätten die Eheleute bei der Ankunft in Edremit vergessen, das Selbstschuss-System an ihrem Ferienhaus auszuschalten.
Der frühere Maschinenbau-Ingenieur G. habe die Anlage zur Abwehr von Einbrechern an dem Ferienhaus installiert, hieß es in den Berichten. Demnach aktivierte das Betreten einer Fußmatte vor der Haustür einen elektrischen Impuls, der Schüsse aus einem oberhalb der Tür installierten Gewehr auslöste. Mit einem Schalter konnte das System deaktiviert werden, doch habe das Ehepaar dies offenbar vergessen. Musa G. wurde von fünf Kugeln getroffen, seine Frau von drei. Beide waren sofort tot.
Ein Gärtner der Feriensiedlung entdeckte später die Leichen. Den Zeitungsberichten zufolge hatte sich das Rentnerpaar in der Vergangenheit wegen der Selbstschussanlage bereits mehrmals mit Nachbarn in der Ferienhaussiedlung gestritten.
Ein Brüller. Aber wenn man genau liest, bleiben ein paar Fragen offen. Und wenn man anfängt, sie sich selbst zu beantworten, wird es noch lustiger. Da wäre zum Beispiel der letzte Satz: "Den Zeitungsberichten zufolge hatte sich das Rentnerpaar in der Vergangenheit wegen der Selbstschussanlage bereits mehrmals mit Nachbarn in der Ferienhaussiedlung gestritten." Worüber hat man sich gestritten? Dass bereits zwei Nachbarskinder bei dem Versuch ums Leben gekommen waren, ihren Fußball aus dem Garten der Familie G. zu holen? Ich denke außerdem an Postboten, Pizzaboten, Zeugen Jehovas ...
Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass der Mann von fünf Schüssen durchsiebt wurde, während seine Frau nur drei Kugeln abbekam. Die Meldung verstehe ich so, dass es nur ein einziges Gewehr war. (Bemerkung am Rande: Wenn man interessehalber mal "gewehr acht schuss" googelt, bekommt man als zweiten Treffer den ebenfalls wundervollen Satz "Black Panther-Gewehr 8 Schuss, diesen Artikel und viele weitere Artikel für Babys, Kinder, Jugendliche und Familien über das Portal der Kunterbunten ..") Ich schließe daraus, dass es sich um ein sehr konservatives Paar gehandelt hat, der Mann ging offenbar immer ein paar Schritte vor der Frau, man kennt das ja aus Köln-Chorweiler oder Berlin-Neukölln. Da ich nicht annehme, dass die Waffe sich beim Feuern bewegte, dürfte der Mann also durch die Schüsse 1 bis 5 niedergemäht worden sein. Warum die Frau nach fünf Warnschüssen mit offensichtlich unangenehmen Folgen für ihren Mann es immer noch nicht schaffte, einen Schritt zur Seite zu gehen, macht mich stutzig. An dieser Stelle hätte ich gerne mehr von den Kollegen von der Nachrichtenagentur AFP erfahren.
Diese (und viele andere) Menschen sollen aber nicht umsonst gestorben oder verstümmelt worden sein. Ich möchte mit ihrer Hilfe noch reich und berühmt werden. Die Frage ist: wie?
@ Stefanie: Erinnerst du dich an das Buch "Schwarze Gedanken", dass du mir mal vor ziemlich genau 14 Jahren gezeigt hast? An den darin enthaltenen Comicstrip über die suboptimal verlaufenden Versuche mit Schleudersitzen in einem Hubschrauber? Ich habe das nie vergessen und frage mich nun, ob man Geschichten wie die vom Selbstschussehepaar bzw. die Fragen, die sich zu der Story stellen, nicht zeichnerisch begleiten könnte.
@ alle: Hat euch die Geschichte an sich genauso gut gefallen wie mir? Würdet ihr mehr davon lesen wollen - und wenn ja, mit oder ohne meine weiterführenden Fragen?
Eingestellt von Patrick @ 20:09 3 Kommentare
