Heute morgen gegen halb elf hatte jemand in der Redaktion eine dumme Idee. Irgendjemand sollte einen Leitartikel zur Klage von Facebook gegen StudiVZ schreiben. In der Wirtschaft wollte niemand, also fragte man die Onliner. Weil von den beiden abwesenden Redakteuren niemand die Hand hob, tat ich es. Alle waren froh und dankbar und sprachen mir Mut zu. Ich bekam dreieinhalb Stunden Zeit für die erste Version.
Um es kurz zu machen: Leitartikel sind scheiße schwer zu schreiben. Sie sind eine Anmaßung. Der Versuch, die ganze Welt in 4200 Zeichen zu erklären. In den letzten 24 Jahren hat es genau ein Volontär geschafft, einen Leitartikel in der FR zu veröffentlichen. Natürlich bin ich grandios gescheitert. Mit der ersten Version war ich selbst nicht zufrieden. 30 Minuten später war die zweite fertig - gezwungenermaßen. Leider war sie kein Leitartikel. Noch 45 Minuten bis zum Abgabeschluss der kompletten Seite. Die Idee des Meinungsressorts: Ich sollte eine Analyse draus machen, denn das war der Text fast schon. Die bisherige Analyse durfte eine arme Sau von Redakteur innnerhalb kürzester Zeit zum Leitartikel umdichten.
35 Minuten später gab ich die Analyse ab. Blieben zehn Minuten für Überschrift, Kürzen und Korrigieren. Die Seite hatte am Ende etwa acht Minuten Verspätung, was verdammt nah dran ist am Super-GAU: Dem Druck einer halbfertigen Seite.
Zum Trost bekam ich Sätze wie "Für den ersten Leitartikel braucht man ein Wochenende" um die Ohren gehauen. Aufnahmefähig war ich zu dem Zeitpunkt aber eh nicht mehr. Jetzt erwarte ich, morgen vom Wirtschaftschef und vom Textchef den Kopf gewaschen zu bekommen für meine These und Erklärung der Facebook-Klage.
Die Analyse stand ein paar Stunden ganz oben auf der Startseite von fr-online.de. Mit einem Schwarz-Weiß-Bild von mir, weil wir das bei Kommentaren und Analysen immer so machen. Meine Freundin hat's gesehen und spontan gedacht, ich sei bei der Ausübung meines Berufes gestorben. Das allerdings hat in den letzten 24 Jahren noch kein einziger Volontär der FR geschafft.
Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe, wird mir eines klar: Gut, dass wir nur eine Zeitung machen und nicht etwa Ärzte sind. Angenommen, ich wäre Chirurg. Dann hätte es geheißen: "Operieren Sie mal den Patienten von Zimmer 12 am Herzen - Sie haben vier Stunden Zeit." Nach vier Stunden hätte ich gemeldet: "Bin fertig, aber es ist leider keine Herz-OP geworden. Aber als Blinddarm-OP war's ganz o.k." Dann hätte der Chef gesagt: "Kein Problem, dann operiert der Kollege den Blinddarm-Patienten von Zimmer 11 eben am Herzen, er hat ja noch eine halbe Stunde."
Montag, 21. Juli 2008
Schöner Scheitern (Update)
Eingestellt von Patrick @ 22:35 0 Kommentare
Donnerstag, 17. Juli 2008
Frankfurt ist ...
... wenn du im Bahnhofsviertel Vivaldi aus dem zweiten Stock hörst, während du auf dem Gehweg über einen Sperrmüllhaufen steigst, der nach einem Ozean aus Pisse stinkt.
Fortsetzung folgt bestimmt.
Eingestellt von Patrick @ 12:18 1 Kommentare
Dienstag, 8. Juli 2008
Analyse
O.k., wer von euch hat von St. Petersburg aus mein Blog gelesen? Und wer von euch war in den letzten Wochen in Oslo? Aus beiden Städten und einigen anderen exotischen Orten (Brandenburg zum Beispiel) verzeichnet Google Analytics nämlich Zugriffe auf diese Seite. Nur damit das klar ist: Ich sehe alles! Wie viele Besucher, wie oft, wie lange, mit welchem Browser, von wo und mit welcher Verbindungsart - wird alles protokolliert. Big Brother ist googeling you!
Aus Köln kommen übrigens die meisten Zugriffe, was ja auch im Sinne des Erfinders ist. Aber warum liest mich jemand aus Schwetzingen? Wo zum Teufel liegt das überhaupt?!
UPDATE: Ich will nicht verschweigen, dass das Tracking-Tool in der Kritik steht.
Eingestellt von Patrick @ 17:13 0 Kommentare
Montag, 7. Juli 2008
Embedded

Ich mag Flughäfen in der Morgendämmerung, wenn noch alles leer ist und die Flugzeuge noch in Laternenlicht getaucht werden. Wenn nur das mörderfrühe Aufstehen nicht wäre. Um es kurz zu machen: Ich war um 4.30 Uhr am Frankfurter Flughafen, um 10 Uhr Ortszeit in Heraklion auf Kreta, wo ich allerdings nicht mal die Treppe am Flieger verlassen konnte, und um 13 Uhr war ich zurück am Frankfurter Flughafen. Dazwischen durfte ich den Flugbegleitern in der Miniküche über die Schultern schauen und dem Piloten auch. Für einen 12-Jährigen wär's wahrscheinlich ein Traum gewesen: Im Cockpit umsehen und um einen herum lauter junge Frauen in Uniform. Dazu die Anstandsdame von der Fluggesellschaft, die aufgepasst hat, dass ich keine falschen Fragen stelle oder falsche Knöpfe in der Küche drücke. Sowas nennt man wohl "embedded journalism". Wie im Irak, nur ohne Bomben.
A propos bed: Ich hab Jetlag, ich muss jetzt schlafen.
Eingestellt von Patrick @ 21:23 0 Kommentare
Sonntag, 6. Juli 2008
Passierte Tomaten
Dass es Lebensmittel auch in der Passivform gibt, hat Ex-Titanic-Chefredakteur Hans Zippert am Samstag in einem wundervollen Text aus seinem neuen Buch erklärt: Seit er weiß, dass Tomaten passieren können, glaubt er an ganze Regale mit Passivlebensmitteln im Supermarkt der Zukunft: Neben den Tomaten stehen dann "geriebener Käse oder - für die Diätwilligen - gewesene Nuss-Nougatschokolade in der leeren 100g-Packung."
Vorgetragen hat Zippert das bei "Stoffel", der vierwöchigen Veranstaltung "Stalburgtheater Offen Luft". Dabei treten jeden Abend zwei Künstler auf einer kleinen Bühne im Günthersburgpark von Frankfurt auf. Hinterher werden Spenden gesammelt, ansonsten ist es für umsonst. Das Volk sitzt auf seinen Picknickdecken, die Bratwurst brät ein stadtbekannter Schriftsteller, und wenn die Sonne scheint, ist alles gut. Endlich mal was, das Frankfurt sympathisch macht.
Was Frankfurt alles unsympathisch macht, stand 2006 mal in der "taz". Deren Online-Archiv reicht leider nicht so lange zurück, also gibt's den Text, den uns Jürgen Roth am Samstag vor dem Zippert-Auftritt vorgelesen hat, eben hier.
Eingestellt von Patrick @ 19:26 0 Kommentare
