Samstag, 4. Juni 2011

Auch böse

Ok, dass Andi die Story von der Selbstschussanlage mögen würde, hatte ich geahnt. Sonst noch jemand?

Ich hab da noch eine schöne Geschichte für euch. Eine Art Rätsel. Hier ist die Originalmeldung, gesendet von der dpa am 17. Mai:

Faustgroßes Loch im Oberkörper: Ärzte retten Mann Münster (dpa) - Diesmal konnten die Ärzte auch ohne Röntgenstrahlen durch den Patienten hindurchsehen: Unfallchirurgen haben in Münster einen Mann gerettet, der ein durchgehendes faustgroßes Loch in Brust und Rücken hatte. Wie das Universitätsklinikum am Dienstag berichtete, gelang die spektakuläre fünfstündige Notoperation nach einem Unglück schon vor einigen Wochen. „Der Brustkorb des Mannes wurde durch den Unfall einmal komplett durchbohrt. Man konnte direkt hindurch blicken“, schilderte Thoraxchirurg Karsten Wiebe in der Mitteilung.
Das Loch in der Brust sei so groß wie eine Männerfaust gewesen, die Wunde am Rücken fast ebenso groß. Dennoch sei es gelungen, die Lunge weitgehend zu retten und beide „großen Löcher“ plastisch zu verschließen. Wiebe sprach von einem „kleinen medizinischen Wunder“. Details zum Unfall wurden auf Wunsch des Patienten nicht genannt.


Schön auch der Zusatz am Ende:
Redaktionelle Hinweise - Das Klinikum kann ein Bild vom Ärzteteam zur Verfügung stellen. Bilder von der Verletzung werden auf Wunsch des Patienten nicht veröffentlicht.

Denn mal ehrlich: Welche Zeitung würde ein solches Foto denn drucken?! Ok, eine vielleicht.

Aber das ist alles nicht so wichtig. Wichtig ist nur der Satz "Details zum Unfall wurden auf Wunsch des Patienten nicht genannt." Das ist wie der Befehl "Denk jetzt mal NICHT an einen rosa Elefanten." Man kann dann nicht mehr anders, man MUSS an einen rosa Elefanten denken. In diesem Fall an die Details zum Unfall. Was verursacht eine etwa faustgroße Wunde, hat soviel Dampf, dass es einen ganzen Mann durchdringt und ist auf der Aus- oder Eintrittsseite (geht ja aus der Meldung nicht eindeutig hervor) etwas kleiner? Ich tippe: Der arme Mann ist aus einem Fenster gefallen - und auf einen Flaggenmast. Er hat sich selbst gepfählt. So ein Mast könnte sich durchaus nach oben etwas verjüngen - das würde es möglich machen, dass das Opfer auf der Eintrittsseite, die ja weiter nach unten rutscht, eine tiefere Wunde hat als auf der Austrittsseite.

Ich hätte jetzt gerne Vorschläge von euch. Was könnte ihm sonst passiert sein?

Mittwoch, 1. Juni 2011

Böse. Sehr, sehr böse

Die drei Schüsse in den Rücken lassen mir keine Ruhe. Ständig kommen mir neue Nachrichten unter, die an sich schon wirklich böse sind, durch den Stil der Nachrichtenagenturen aber noch viel bösartiger werden. Vor allem durch das Weglassen von Informationen. Ich gebe mal ein Beispiel, ungekürzt und unverändert, so wie es über den Ticker kam:

Eigene Selbstschussanlage tötet deutsch-türkisches Rentnerpaar - System sollte Einbrüche in Ferienhaus verhindern Istanbul, 31. Mai (AFP) - Ein deutsch-türkisches Rentnerehepaar ist von seiner selbst gebauten Selbstschussanlage getötet worden. Wie türkische Zeitungen am Dienstag berichteten, starben die 75-jährige Emmy Else G. und ihr fünf Jahr älterer Mann Musa G. in einer Ferienhaussiedlung im westtürkischen Edremit. Das Paar habe die meiste Zeit des Jahres in Deutschland verbracht und sei nur in den Sommermonaten in die Türkei gekommen. Offenbar hätten die Eheleute bei der Ankunft in Edremit vergessen, das Selbstschuss-System an ihrem Ferienhaus auszuschalten.
Der frühere Maschinenbau-Ingenieur G. habe die Anlage zur Abwehr von Einbrechern an dem Ferienhaus installiert, hieß es in den Berichten. Demnach aktivierte das Betreten einer Fußmatte vor der Haustür einen elektrischen Impuls, der Schüsse aus einem oberhalb der Tür installierten Gewehr auslöste. Mit einem Schalter konnte das System deaktiviert werden, doch habe das Ehepaar dies offenbar vergessen. Musa G. wurde von fünf Kugeln getroffen, seine Frau von drei. Beide waren sofort tot.
Ein Gärtner der Feriensiedlung entdeckte später die Leichen. Den Zeitungsberichten zufolge hatte sich das Rentnerpaar in der Vergangenheit wegen der Selbstschussanlage bereits mehrmals mit Nachbarn in der Ferienhaussiedlung gestritten.


Ein Brüller. Aber wenn man genau liest, bleiben ein paar Fragen offen. Und wenn man anfängt, sie sich selbst zu beantworten, wird es noch lustiger. Da wäre zum Beispiel der letzte Satz: "Den Zeitungsberichten zufolge hatte sich das Rentnerpaar in der Vergangenheit wegen der Selbstschussanlage bereits mehrmals mit Nachbarn in der Ferienhaussiedlung gestritten." Worüber hat man sich gestritten? Dass bereits zwei Nachbarskinder bei dem Versuch ums Leben gekommen waren, ihren Fußball aus dem Garten der Familie G. zu holen? Ich denke außerdem an Postboten, Pizzaboten, Zeugen Jehovas ...

Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass der Mann von fünf Schüssen durchsiebt wurde, während seine Frau nur drei Kugeln abbekam. Die Meldung verstehe ich so, dass es nur ein einziges Gewehr war. (Bemerkung am Rande: Wenn man interessehalber mal "gewehr acht schuss" googelt, bekommt man als zweiten Treffer den ebenfalls wundervollen Satz "Black Panther-Gewehr 8 Schuss, diesen Artikel und viele weitere Artikel für Babys, Kinder, Jugendliche und Familien über das Portal der Kunterbunten ..") Ich schließe daraus, dass es sich um ein sehr konservatives Paar gehandelt hat, der Mann ging offenbar immer ein paar Schritte vor der Frau, man kennt das ja aus Köln-Chorweiler oder Berlin-Neukölln. Da ich nicht annehme, dass die Waffe sich beim Feuern bewegte, dürfte der Mann also durch die Schüsse 1 bis 5 niedergemäht worden sein. Warum die Frau nach fünf Warnschüssen mit offensichtlich unangenehmen Folgen für ihren Mann es immer noch nicht schaffte, einen Schritt zur Seite zu gehen, macht mich stutzig. An dieser Stelle hätte ich gerne mehr von den Kollegen von der Nachrichtenagentur AFP erfahren.

Diese (und viele andere) Menschen sollen aber nicht umsonst gestorben oder verstümmelt worden sein. Ich möchte mit ihrer Hilfe noch reich und berühmt werden. Die Frage ist: wie?

@ Stefanie: Erinnerst du dich an das Buch "Schwarze Gedanken", dass du mir mal vor ziemlich genau 14 Jahren gezeigt hast? An den darin enthaltenen Comicstrip über die suboptimal verlaufenden Versuche mit Schleudersitzen in einem Hubschrauber? Ich habe das nie vergessen und frage mich nun, ob man Geschichten wie die vom Selbstschussehepaar bzw. die Fragen, die sich zu der Story stellen, nicht zeichnerisch begleiten könnte.

@ alle: Hat euch die Geschichte an sich genauso gut gefallen wie mir? Würdet ihr mehr davon lesen wollen - und wenn ja, mit oder ohne meine weiterführenden Fragen?

Freitag, 27. Mai 2011

Ich muss hier weg

Die Zeit des Schönredens ist vorbei. Vorhin habe ich sogar meinem Kollegen und besten Freund in dieser Stadt eingeredet, dass er die FR verlassen soll. Um 16:45 Uhr sagte er mir noch "Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bei der Zeitung bleiben oder die Abfindung nehmen." In den 60 darauffolgenden Minute habe ich ihm einen Grund nach dem anderen genannt, warum er das Geld nehmen und die Zeitung verlassen soll, für die er 10 Jahre lang gearbeitet hat. Danach sagte er "Ok, die Entscheidung ist gefallen. Ich gehe."

Ich weiß gar nicht, ob das so klug von mir war. Ohne ihn wird's bei der Arbeit noch unerträglicher, als es in den nächsten Monaten ohnehin zu werden droht. Aber dass ich so drauflosgebrabbelt habe, zeigt auch mir selbst, dass ein Wechsel notwendig geworden ist.

Drückt mir die Daumen, ich habe in den nächsten zwei Wochen zwei Vorstellungsgespräche in Berlin.

P.S. (Oder heißt das in Blogs "B.S."?): Seine Freundin wollte sowieso, dass er geht. Ich bin also nicht der Alleinschuldige. Rede ich mir jedenfalls ein.

Mittwoch, 20. April 2011

Drei Schüsse in den Rücken sind keine Notwehr

Heute um 15:20 Uhr lief ein Text der Nachrichtenagentur dapd mit genau dieser Überschrift über den Ticker. Es ging um das Urteil gegen einen Dreifachmörder, aber das ist eigentlich egal. Es geht nur um den Satz. "Drei Schüsse in den Rücken sind keine Notwehr." Ein leicht verkürztes Zitat des Richters.

Ich liebe diesen Satz. Er klingt grausam, philosophisch, lebenszusammenfassend. Ich habe kurz überlegt, mein Blog umzubenennen. Aber jetzt weiß ich: Ich muss ein Buch schreiben. Titel: "Drei Schüsse in den Rücken sind keine Notwehr". Worum es gehen soll? Spielt keine Rolle. Es wird garantiert ein Bestseller, bei so einem Titel. Ich denke, ich schreibe es über Ostern. Muss ja auch nicht dick werden, bei so einem Titel.

Aber sonst geht's mir gut, danke.

Freitag, 1. April 2011

Untröstlich

Was für ein seltsamer Tag. Morgen früh werde ich mich fragen, ob das alles nur ein böser Traum war. Heute vormittag wurde unserer Belegschaft mitgeteilt, dass von den 190 Festangestellten 44 entlassen, 20 nach Berlin geschickt und die Restlichen in neuen, noch zu gründenen Gesellschaften eingestellt werden. Dass Politik, Wirtschaft, Vermischtes, Sport, Feuilleton und Wissenschaft künftig nicht mehr in Frankfurt, sondern in Berlin produziert werden. Dass alle Außenredaktionen in der Region, die wir noch haben, geschlossen und durch Dienstleister ersetzt werden. Dass von der Vollredaktion in Frankfurt nur die Lokal- und Regionalredaktion übrig bleibt - und die Onlineredaktion, zu der auch ich gehören werde, wenn ich das möchte.

Genauer steht es bei den Kollegen von der taz.

In der Versammlung haben gestandene Journalisten unter Tränen ihre Statements abgegeben, manche wurde wütend bis ausfallend, andere fielen in Schockstarre. Sie haben vor sich etwas zerbröseln sehen, für das sie teilweise jahrzehntelang jeden Tag mit Herzblut gearbeitet haben. Und ich dramatisiere hier nicht. Die FR wäre längst nicht mehr da, wenn nicht jeden Tag eine verschworene Truppe von Leuten da reinmarschiert wäre, um weit, weit jenseits von Dienst nach Vorschrift das Beste aus den seit Jahren immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen zu machen.

Ich kann das alles nicht hier erklären. Schon gar nicht das, was ich in den Stunden danach erlebt habe. Von elf bis halb fünf habe ich in solchen Versammlungen gesessen und mir angehört, wie die Zeitung gerettet werden soll. Und wenig bis nichts davon war überzeugend. Von sechs Uhr bis Mitternacht habe ich dann versucht, Untröstliche zu trösten.

Nochmal: Ich bin nicht oder kaum betroffen. Mein Arbeitsplatz ist für die nächsten zweieinhalb Jahre sicher. Ich bin den ganzen Tag wie in einer Seifenblase umhergewandert, die alle Geräusche irgendwie dämpft.

Nur: Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich noch Freude an meinem Job haben soll, wenn diejenigen, die ihn so angenehm/lustig/lehrreich/erfüllend gemacht haben, allesamt weg sind.

Mehr dazu beim nächsten Mal...