Donnerstag, 3. April 2008

Hamm vs. die Zivilisation

Es ist nicht gerade leicht, etwas Gehaltvolles zu schreiben, wenn drei Meter links von mir Germany’s Next Topmodel läuft. Ich krieg’ nämlich spontan Ohrenkrebs. Aber was soll’s: So sind sie halt, die Volontärinnen von heute. 16 Volos aus halb Deutschland sind wir hier in der Journalisten-Akademie im Schloss Oberwerries. Davon 11 Frauen, die jetzt im einzigen Raum, in dem es eine Internetverbindung gibt, unbedingt Heidi Klum gucken müssen. Das nächste bisschen Zivilisation ist 10 km entfernt und heißt Hamm. Das liegt in Westfalen, was den Begriff Zivilisation natürlich direkt wieder etwas relativiert. Deshalb bleibt uns nicht viel übrig, als ein bisschen fernzusehen, die wenigen Flecken Erde zu suchen, auf denen hier eine Handyverbindung besteht – und Sport zu treiben. Denn der Laden hier gehört dem Landesturnerbund, und der hat eine komplette Turnhalle neben das Schloss gepflanzt.

Ach ja, tagsüber ist Ausbildung zum Topjournalisten. Die dauert noch bis zum 18. April, danach sollte ich mehr oder weniger perfekt sein. Ich meld’ mich, wenn es soweit ist.

Sonntag, 16. März 2008

Philip, der traurige Porsche-Fahrer

Freitagabend, Party bei einem Mitvolontär und dessen Freundin, die Lehrerin ist und ihr halbes Kollegium eingeladen hat. Es ist etwa ein Uhr, da steht plötzlich ein schmächtiger, dick bebrillter Hemd-in-die-Hose-Stecker vor Natalie und mir und quatscht uns an: "Seid ihr auch Lehrer?" Wir sagen nein. "Was dann?" Wir erklären es ihm. Und ich frage aus Höflichkeit, was er macht. "Unternehmensberater", verrät er. Damit ist er bei mir endgültig unten durch. Unternehmensberater sind die natürlichen Feinde von FR-Journalisten. Ich verkrieche mich kurz in die Küche.

Als ich zurückkomme, sagt Natalie "Er fährt einen Porsche." Das ist ihm jetzt peinlich, und stammelt was von Firmenwagen. Und dann jammert er los: "Wisst ihr, es ist ganz schön schwierig, so ein Auto zu haben. Alle denken, was ist denn das für ein Schnösel und so. Ich kann damit nicht einfach überall hinfahren." Und so weiter. Der arme, arme Porsche-Fahrer.

Dass Natalie noch ganz trocken sagt "Naja, aber er will damit sicher nichts kompensieren..." hört er nicht mehr. Was gut ist, denn ich kriege fast einen Lachanfall, den ich ihm wirklich nicht erklären will. Als er geht, frage ich ihn noch, wie er eigentlich heißt. Nicht, weil es mich interessiert. Aber weil ich zu dem Zeitpunkt schon weiß, dass ich ihn hier verewigen werde.

Montag, 25. Februar 2008

Demonstrationshauptstadt

Nazis, Antifa, Karnevalisten, Anti-Opernballer, Serben, Kosovaren - immer wenn ich am Wochenende in die Frankfurter Innenstadt gehe, demonstriert irgendeine Randgruppe für oder gegen irgendwas. Meistens gegen die vorangegangene Demo der Gegenseite. Wirklich immer.

Die Kosovaren habe ich zugegebenermaßen erst für Eintracht-Frankfurt-Fans gehalten. Irgendwie rot, irgendein Vogelvieh auf der Flagge. Aber weil ihr Gebrabbel und Gebrüll selbst für Fußball-Verhältnisse schwer zu verstehen war, bin ich einfach hinterher gegangen, bis ich viele leute in kosovarischen Trainingsanzügen gesehen habe. Jedenfalls muss Frankfurt die deutsche Demonstrationshauptstadt sein. Aber weil sie sonst nicht viel zu bieten hat, habe ich mich entschlossen, das gut zu finden. So ist wenigstens was los.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle jede Woche ein Bild zeigen, und ihr müsst raten, welche Gruppe da gerade demonstriert. Der Gewinner bekommt ein Blanko-Transparent für eine Demo seiner Wahl.

Freitag, 15. Februar 2008

House of God

Der erste Eindruck kann ganz schön täuschen. Die ersten Gestalten, die ich nach meinem Einzug im Haus getroffen habe, hatten fast alle diese Prekariatsaura. Aber jetzt weiß ich: Ich habe ranghohe Nachbarn. Den Ranghöchsten überhaupt.



Gesehen habe ich Gott noch nicht. Wahrscheinlich kümmert er (oder sie) sich die ganze Zeit um Israel. Da ist ja viel zu tun. Aber gut zu wissen, dass er (oder sie) in der Nähe ist - falls mal was passiert.

Dienstag, 5. Februar 2008

Helau

Das Volo-Leben hat begonnen. Mit Einzelunterricht in Tarifrecht, Pressegesetz, Reisekostenabrechnung und anderen ähnlich spannenden Themen. Wobei, das mit dem Tarifrecht ist faszinierend. Dass ich Urlaubsgeld bekomme, wusste ich ja. Aber dass Urlaubsgeld ein Zuschlag zum normal weiter ausgezahlten Gehalt ist, hatte mir nie jemand erklärt. Ich dachte immer, man bekommt das niedrigere Urlaubsgeld anstelle des Gehalts, was immer noch besser wäre als die Regelung zu meinen Zeiten als freier Journalist: Wer nicht arbeitet, kriegt auch nix. Jetzt fühle ich mich steinreich und sozial sowas von sicher, als hätte ich einen schützenden Panzer um mich. Oder zumindest dicke Ketten.

Angeblich soll schon übermorgen ein T-Com-Wesen meinen Anschluss freischalten. Aber das glaube ich erst, wenn ich das Freizeichen höre.