Seit fast einem Dreivierteljahr lebe ich jetzt hier in Neukölln. Und das sieht so aus: Meine Postfiliale an der Ecke verkauft auch Bier, hat dafür aber keinen Briefmarkenautomaten. Mein türkischer Bäcker backt die deutschesten Mehrkornmüslidinkelbrötchen östlich des Mississippi. Er und mein Inder gegenüber sind so dermaßen freundlich, dass es bei Ur-Berlinern als Integrationsverweigerung gilt. In meiner eigentlich recht kurzen Straße gibt es nicht weniger als sieben Kitas, einen Spielplatz, einen Fischgrillimbiss (oder Grillfisch) und einen Treffpunkt für Türken, der in Sommernächten die ganze Straße bis 3 Uhr morgens unterhält, weil die Männer draußen sitzen und das tun, was sie für "reden" halten. In meinem Haus eröffnet demnächst ein bulgarischer Supermarkt. Was auch immer das ist. Drei Querstraßen weiter, so heißt es, hat die Polizei jede Kontrolle verloren. Niemand weiß, wer alles illegal in den Wohnungen dort lebt. Dass ich heute ganz in der Nähe einen Polizeibus vollgepackt mit Beamten in voller Riot Gear gesehen habe, heißt aber wohl, dass man die Niederlage noch nicht offiziell eingestehen will. An der Rolltreppe zur S-Bahn haben heute zwei ältere Damen versucht, den "Wachtturm" an die Ungläubigen/Muslime/Hindus zu bringen. Es war die selbe Ecke, in der am Vorabend ein Penner eine Tüte geraucht hat, die man noch in Kreuzberg gerochen haben dürfte. Und in den maximal abgerockten Kneipen der Umgebung mit bröckelndem Putz, miesen Holzstühlen oder gleich Eimern als Stühlen treffen sich die Hipster, die tagsüber den Bezirk durchgentrifizieren, indem sie mit ihren Social-Media-Berater-Gehältern die topsanierten Wohnungen übernehmen.
Ist wohl überflüssig zu sagen, dass ich mich hier sauwohl fühle.
Freitag, 23. März 2012
Mein Kiez
Eingestellt von Patrick @ 14:23
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